News & Stories vom 03.10.1994

Selbsttötung als letztes Argument

Swetlana Alexijewitsch über Freitod in Rußland
Das neueste Buch der weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch heißt: "Im Banne des Todes, Geschichten russischer Selbstmörder". Nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums haben die Freitode in Russland massiv zugenommen. Swetlana Alexijewitsch ist den Einzelschicksalen nachgegangen, sowohl in Fällen des versuchten Selbstmordes, wie in den Fällen von Lebenskatastrophen, die nicht verhindert wurden. Der Marschall der Sowjetunion Achramejew setzte seinem Leben bereits unmittelbar nach dem Putsch in Moskau im August 1991 ein Ende. Andere Menschen, wie eine Kellnerin, ein Söldner, ein Techniker, eine Ingenieurin geraten in die Lebenskrise aus scheinbar unpolitischen Gründen. Wie bei den berühmten Selbstmordfällen im Russland der 20er Jahre (Zwetajewa, Jessenin, Majakowski) deutet die Selbsttötung oder der Selbsttötungsversuch an, dass sich ein Mensch von der Zeitgeschichte zerschlagen fühlt: So kann er nicht leben. Der Freitod ist ein letzter Einspruch, ein letztes Argument in einer Gesellschaft, die so viele Jahrzehnte auf dem Argumentieren beruhte.