News & Stories vom 28.04.1997

Chaos im Land der Gefühle

Swetlana Alexijewitsch über den Kampf der Geschlechter in Rußland
Männer und Frauen in Russland, sagt der Dichter Turgenjew, sind grundsätzlich außerstande, einander zu verstehen. Ein Teil der Trägheit und Melancholie, aber auch der Gefühlsstärke dieses Landes sei darauf zurückzuführen, dass jedes dieser Geschlechter auf einem anderen Planeten lebt. Die Autorin und Journalistin Swetlana Alexijewitsch geht in ihrem neuesten Buch diesem Zerwürfnis zwischen Mann und Frau nach. Sie fand zweierlei heraus: Jede Landschaft in Russland bringt auch eine eigene Gefühlslandschaft hervor. Diese inneren Landschaften sind heute um so wichtiger, als die äußeren. Ziele (auch bedingt durch den Zusammenbruch des Imperiums) verblassen. Die Welt der Gefühle wird zu einer Welt, nach der sich die Menschen richten. Zugleich haben sich Teile der Außenwelt, z. B. in Tschernobyl, so radikal gewandelt, dass die Bilder, über die sich die Gefühle verständigen können, nicht mehr passen. Swetlana Alexejewitsch berichtet hierzu erschütternde Geschichten. Es entsteht ein Bruch in der Kultur. Die Bücher von Swetlana Alexijewitsch kommen jetzt nach Deutschland. Sie sind packend und immer kontrovers. Ihr Buch "Zinkjungen, Afghanistan und die Folgen" (1991) handelt von den Soldaten, die in Afghanistan eingesetzt wurden und die die Heimat dann nicht wieder zurücknehmen wollte. Ihr Buch "Im Banne des Todes. Geschichten russischer Selbstmörder" (1994) handelt von der rasanten Zunahme von Selbstmorden nach dem Zusammenbruch des Imperiums. Ihr erstes Buch "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" (1987) beschreibt die Erfahrungen von weiblichen Partisanen im Russlandkrieg. Besonders eindrucksvoll ist das Buch über ihre Recherchen in der verbotenen Zone von Tschernobyl, das in diesem Herbst in Deutschland erscheinen wird. Nie machte sie sich mit ihren Büchern Freude im eigenen Land. Ihr neuestes Buch, von dem unsere Sendung handelt, wird in Russland demnächst erscheinen. Es geht dort um Interviews, Lebensberichtet aus dem aktuellen Leben, aber immer auch um den Kampf der Geschlechter, der älter als 6000 Jahre ist. Übersetzung: Rosemarie Tietze.