News & Stories vom 27.03.1995
Die Stimme des Dramatikers
Postoperative Texte von Heiner Müller
Die neue Stimme des Dramatikers Heiner Müller klingt verkrächzt. Die Texte, um die es in dem Magazin geht, sind im Umkreis einer lebensrettenden Radikaloperation geschrieben. Bei dieser Operation wurde eines der Stimmbänder gelähmt. In den neuen Texten geht es um Ajax und Polydor, um Hitler, Stalin, um Berlin als "unwirkliche Hauptstadt": In seinen postoperativen Texten zieht Heiner Müller eine Bilanz.
Es ist merkwürdig, dass Heiner Müller bei keinem seiner Auftritte im TV je nach seinen Kompakt-Texten gefragt worden ist. Diese Texte konzentrieren Informationen auf eine unvergleichliche Weise. Sie nutzen die Vielschichtigkeit, die die Worte und Bedeutungen an und für sich bereits haben. So ist Ajax, der Held einer von Müllers neuen Texten, gleichzeitig ein Waschmittel und der Name zweier draufgängerischer Helden, die sich vor Troja in ihr Schwert stürzten. Polydor, heute das Markenzeichen einer Schallplattenfirma, ist der Sohn des unglücklichen Königs Priamos von Troja und seiner Frau Hekuba. Sie versuchen diesen Jüngsten bei einem fremden König in Sicherheit zu bringen. Dieser aber eignet sich die Schätze des Schützlings an und ermordet; zuletzt bellt sie wie ein Hund. Der bemerkenswerte sprachliche Bogen schließt sich mit Recht in der TV-Schallplattenindustrie.
Mit dem renommierten, europäischen Preis für Dramatik, den Heiner Müller in Taormina erhielt und einem Stipendium der Getty-Stiftung, gehört Heiner Müller zu den höchstdekorierten, lebenden Dramatikern.