News & Stories vom 24.10.1994

Die neue Unerbittlichkeit

In fast allen westlichen Öffentlichkeiten werden in den 90er Jahren Angstbilder diskutiert und von den Medien verbreitet. Die Angstbilder beziehen sich auf Gewalttaten, Täter und Fremde. Sie produzieren Fremdenhass, Ausgrenzung und einen neuen "Extremismus der Mitte". Diese Bilder entstehen nämlich aus dem Gefühl von Menschen und aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Diese Bilder, sagt der Sozialforscher Dr. Joachim Kersten, trennen sich zunehmend von der Tatsachenwelt. Die Kriminalstatistik zeigt gerade in den Bereichen, in denen die stärksten öffentlichen Emotionen und Bilder in Bezug auf Gewalttaten herrschen, eine Abnahme dieser Art von Gewalt. Dies macht aufmerksam auf den Status der sog. Moral-Unternehmer. Lebten früher die Kirche, die Schulen und die Obrigkeit vom moralischen Mehrwert, so ziehen heute auch ursprünglich emanzipatorische Gruppen einen Moralprofit aus den Gewaltbildern, gerade wenn solche im Kern emanzipatorischen Gefühle sich ein Täterbild, ein Fremdenbild und ein Feinbild machen, geht in die Diskussion ein Schub von irrationaler Kraft ein: Die neue Unerbittlichkeit. Gegen sie hat der Satz: "Im Zweifel für den Angeklagten" nur eine schwache Gegenwirkung.