News & Stories vom 09.12.1991

"Das Gesicht meines Vaters"

Nagisa Oshima, geb. 1932
Nagisa Oshima ist ein berühmter, japanischer Regisseur ("Goldener Löwe", Venedig). Sein Film "Im Reiche der Sinne" zeigt eine Kastration und war in Japan nur mit "Wolken" und "Balken" zu sehen. Sein Film "Die Erhängung", sowie sein Film über die Studentenbewegung in Japan sind rebellische Produkte. Nagisa Oshima stammt aus einer Samurai-Familie, die die Insel Tsushimia jahrhundertelang regierte. Sein Vater, ein junger Verwaltungsbeamter, der eher der parlamentarischen Tradition als der modernen, militärischen zugeneigt war, starb, als Oshima 4 Jahre alt war. In dem Magazin geht es u.a. um die Rekonstruktion der japanischen Geschichte, die vor Oshimas Geburt (1932) liegt. Oshima selbst hegt Vermutungen über die politische Einstellung seines Vaters. Er schließt aus den Büchern, die dieser besaß, auf dessen Meinung. Das Gespräch, das der Filmkritiker Klaus Eder und Alexander Kluge mit Nagisa Oshima führten, sucht nach dem Bild dieses Vaters. Eine interessante Ergänzung, nachdem Oshima in seinem jüngsten Film seine Mutter und seine Geburtsstadt Kioto portraitiert. Es erweist sich, dass der Vater so wie Oshima selbst ausgesehen haben muss, dass Oshima, wäre der Krieg zugunsten Japans ausgegangen, heute ein hoher Verwaltungsbeamter oder General wäre und dass Oshima Botschaften seines Vaters ausführt, u.z. Botschaften rebellischer Natur. Ähnlich wie Deutschland hat Japan sog. "Weiße Jahrgänge". Solche "Weißen Jahrgänge" sind dadurch charakterisiert, dass der Lebenslauf durch das Ende des 2. Weltkriegs geschnitten wird. Jahrgänge dieser Art gehören weder zu der Zeit davor, noch zu der Zeit danach ganz; sie sind aber auch von keiner dieser beiden Zeiten abzutrennen. Das gilt für Nagisa Oshima, geb. 1932, ein Rebell, weil er von keiner Zeit ganz geprägt ist, ein Mensch der Umbruchszeit.