News & Stories vom 09.09.1996

Der transhumane Mensch

Wie dehnbar ist die menschliche Natur?
Die brasilianische Filmemacherin Iara Lee berichtet in ihrem jüngsten Film "Synthetic Pleasures" über neueste Formen kontrollierter Umwelt in Japan (Ozean und Stand in der Halle, Ski abfahren in der Halle), über Roboter, die in die einzelnen Zellen und Organe dringen, über die Optimierung der Hirnökologie und über transhumane Identitäten ("der Mensch als Interface"). Es geht um virtuelle Vergnügungen, die bereits auf die Menschheit warten. Der in Japan lebende Australier Stelarc macht seinen Körper zur Schnittstelle für mächtige Technologien des 3. Jahrtausends. Sein Körper besitzt eine dritte Hand, die er mit Bauchmuskeln und einem Muskel des Oberschenkels steuert. Der biologische Mensch, sagt der Künstler Stelarc, ist veraltet. Den veralteten Psychokörper muss man an das höchst menschliche Cyber-System anschließen, in dem wir in Zukunft leben werden. Das ist "posthumane Kunst". Besonders ungewöhnliche Interfaces zwischen Technik und Mensch beschreibt der Hirnforscher Prof. Dr. Detlef B. Linke. Lebende Zellen, in Computer eingebaut, waren in der japanischen U-Bahn vor Giftgas: Nichts schreit so rasch und zuverlässig um Hilfe, wie die lebendige menschliche Natur. Das kann die postmoderne Neurotechnologie nicht ersetzen, sie kann es aber mit ihrem Mitteln auf verblüffende Weise zur Anwendung bringen. Ist das Transhumane mehr human oder weniger human als der alte Mensch?