News & Stories vom 09.01.1995

Der Bauplatz über dem Teufelsfluss

Ein heilig-unheiliges Grundstück in Moskau
Auf einem Grundstück in der Hauptstadt Russlands, wo früher ein Flüsschen mit Namen "Teufelsfluss" in die Moskwa mündete, jetzt ist es überbaut, stand bis 1812 ein mittelalterliches Kloster. Nach dem Sieg über Napoleon sollte an diesem heiligen Platz eine Sieges-Kirche, die Erlöserkirche, gebaut werden. Sie wurde bis 1883 fertiggestellt. Ein Wahrzeichen Moskau und des Zarentums: wie eine byzantinische Basilika. Nach der Revolution war dieser heilige Ort und seine Erlöserkirche Ziel von Umbauplänen. Sie führten 1931 zum Abriss der Kirche. An die Stelle sollte "ein Palast der Sowjets" treten, als Gebäude höchsten Ranges. An dem Wettbewerb nahmen Gropius, Le Corbusier und eine internationale Elite von Architekten teil. Die Mehrzahl der sowjetischen Architekten plante einen über die Wolken hinausragenden Lenin, in dessen Kopf ein Restaurant untergebracht werden sollte. Bei Kriegsausbruch 1941 standen bereits die Stahlskelette; sie wurden abmontiert und als Panzersperren gegen die deutschen Angreifer verwendet. Der Bauplatz war inzwischen emotional so wertvoll geworden, dass darauf zunächst überhaupt nichts gebaut wurde. Erst unter dem Regime Chruschtschows wurde auf den Grundrissen des Palastes der Sowjets, die den Bau im Sumpfgelände der Moskwa und des Teufelsflusses befestigten, ein großes Schwimmbad gebaut: inmitten von Moskau, auch im Winter beheizt, eine Erholungsstätte für die Werktätigen. Das warme Wasser unter winterlichem Himmel lag nachts im Nebel, der durch Scheinwerfen durchschnitten wurde. Seit 1991 ist auch diese Schwimmoper verfallen. Es bestehen neuerdings Pläne, die Erlöserkirche wieder zu errichten. In einer Holzkapelle, die auf dem Grundstück platziert ist, werden dafür Spenden entgegengenommen. Am Tag der Rückkehr der Truppen der Westgruppe der GUS aus Deutschland, wurde versucht mit Laserstrahlen und Zeppelinen das Bild der Erlöserkirche wenigstens zu projizieren (ähnlich wie die Simulation des Schlosses in Berlin aus Pappe und Stoff).
Die Autorin und Übersetzerin Rosemarie Tietze portraitiert diesen eigenartigen Bauplatz in Moskau, der emotional so wertvoll ist, dass man nichts Beständiges darauf bauen kann: Der Bauplatz über dem Teufelsfluss.