News & Stories vom 26.02.1996

Napoleon zum Beispiel

DOPPELMAGAZIN (95 mm)

Alles was er wollte, wollte er mit 100 %iger Gewissheit, sagt man von Napoleon. Er hatte einen Blick von "rasender Kraft, aber eiskalt". "Er trug das Böse in sich, wie eine Mutter ihr Kind". "Das letzte große europäischen Phänomen". 200 Jahre ist es her, dass er mit seiner Armee die Alpen überschritt und seinen Siegeslauf begann. Seither ist ein Charakterbild umstritten. Hegel nennt ihn "den Weltgeist zu Pferde" und "den Mann der 193 Widersprüche". S. Freud behauptet, Napoleon habe psychisch den Ödipus-Komplex verfehlt und werde dafür vom Josephs-Komplex beherrscht. Wie der biblische Joseph, der in Wettbewerb mit seinen Brüdern stand, beherrschte Napoleon Ägypten. Er hatte die Absicht bis Indien vorzudringen. Erstmals an seine Grenzen gelangte der Kaiser 1807 in der Winterschlacht bei Preussisch-Eylau in Ostpreussen. Imposant ist Napoleon besonders im Unglück, z.B. bei dem Rückzug seiner Armee über die Beresina. Ihn begleitet auf allen Feldzügen sein Chefarzt der Garde, Baron Larrey, der seine Erlebnisse in berühmt gewordenen Memoiren niederschrieb. Heiner Müller hat in seinem Text den einzigen Moment festgehalten, an dem Napoleon öffentlich geweint hat. Der Text heißt: "Napoleon zum Beispiel" .