Arbeitstag versus Lebenstag

Oskar Negt über Arbeiterbewegung und "Tag der Arbeit"

Die sog. "Zweite Internationale", der Zusammenschluss der sozialistischen Parteien, fand genau 100 Jahre nach Ausbruch der Französischen Revolution am 14.07.1889 in Paris statt. Schwerpunkte waren der 8-Stunden-Tag und die Einführung des 1. Mai als "Tag der Arbeit", beginnend ab 01.05.1890. Dieser symbolische Tag war hart umkämpft. Neben den christlichen Feiertagen aus dem Mittelalter, gab es als "modernen Feiertag" den Sedan-Tag; einen zusätzlichen Feiertag zum 1. Mai gab es dagegen nicht. Der 1. Mai entwickelte sich als Kampftag und als demonstrative Gewohnheit der Arbeiterbewegung. Arbeiter, die an diesem Tag der Fabrik fernblieben, riskierten bzw. erduldeten die Entlassung. Erstmals zum Feiertag erklärt wurde der 1. Mai am 15. April 1919 unter dem Schock der Niederlage im ersten Weltkrieg. Die Gesetzgebung der deutschen Länder griff das nicht auf. Bis 1933 ist der 1. Mai kein gesetzlicher Feiertag. 1929 ist dieser Tag durch Straßenschlachten in Berlin gekennzeichnet, die 29 Todesopfer und 100 Schwerverletzte fordern, der sog. "Blutsonntag". "Der Tag Arbeit" ist von dem Kampf um den 8-Stunden-Tag nicht zu lösen. 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Ausruhen und 8 Stunden für die Bildung oder den Kampf: das ist einer der sog. "Lebenstag". Der Soziologe und Buchautor Oskar Negt skizziert in unserer Sendung wesentliche Stationen der Arbeiterbewegung. Alle diese Stationen sind in spezifischer Weise mit dem "Tag der Arbeit" verknüpft.

Arbeit, Anti-Arbeit, Industrie 4.0