10 vor 11 vom 24.08.1998

Die Schatten im Auge Gottes

Dr. Joseph Vogl über den Zusammenhang von Dichtung und Demokratie
Seit Beginn der "landwirtschafltichen Revolution", d.h. seit etwa 6.000 Jahren, gibt es große Reiche, die machtvoll entstehen und wieder vergehen. Das Ferment davon heißt: Bürokratie. Wo sie auftritt gibt es auch Schrift und das Projekt der Dichtung. Dichter und Bürokraten handeln nicht von Mythen, sondern sie sind Welterzeuger.

Ist Kafka der Dichter des Bürokratischen? Verfertigten Stasi-Offiziere Literatur? Würde Leibniz vom Kosmos sagen, er sei bürokratisch? Vermutlich, sagt der Deleuze-Übersetzer und Autor Dr. Joseph Vogl. Auch ein König ist Bürokrat, der perfekte Bürokrat wäre Gott. Aber es gibt Parasiten und Partisanen, die sich den herrschenden Imperien zu entziehen suchen. Sie sitzen im Auge Gottes und werfen Schatten auf die Welt. Dies sind Dichter und manchmal Bürokraten.

Bürokratie und Dichtung hängt insofern miteinander zusammen, sagt Dr. Joseph Vogl, da Menschen und Machtapparate ihren Anspruch auf Orientierung mit Macht und im Notfall ohne Rücksicht durchsetzen.