10 vor 11 vom 15.06.1998

Der Stuttgarter FIDELIO

Ein Beethoven ohne Rabatt und Happy-End mit Michael Gielen
Die Stuttgarter Staatsoper brachte eine völlig neuartige und die Öffentlichkeit überraschende Inszenierung von Beethovens FIDELIO heraus. Der Opernchef Dr. Klaus Zehelein und der Dirigent Michael Gielen hatten schon während der legendären Frankfurter Intendanz von Michael Gielen den RING DES NIBELUNGEN von Richard Wagner mit Ruth Berghaus und die AIDA von Verdi mit Hans Neuenfels herausgebracht. Jetzt arbeiten sie mit dem jungen Regisseur Martin Kusej zusammen. Beethovens menschheitsoptimistische Freiheitsoper endet in der Stuttgarter Fassung im Blut. Ein Moment höchster Hoffnung: die zweite Fanfare kündigt die Ankunft des Ministers an, der Floristan retten soll. In diesem Moment drückt Eleonore die Pistole an den Kopf des Gefängnisdirektors. Dieser hat das Messer am Hals von Floristan. "Mexikanisches Duell". Als die zweite Fanfare ertönt, erschrecken die Beteiligten. Eleonore schießt, das Messer durchdringt Floristans Hals. Die herrliche Schlußmusik wird von "Untoten" gesungen, so als ob sie als Märtyrer im Museum zu besichtigen seien oder im Jenseits Befreiung, Liebe der Ehegatten und Humanität feiern. Eine provozierende und bewegende Umkehrung des LIEDS AN DIE FREUDE.

Der Adorno-Preisträger Michael Gielen dirigiert das Stuttgarter Staatsorchester, indem er jeden "Plüsch" vermeidet. Er gilt als einer der letzten unbestechlichen der modernen Musik. Ein FIDELIO ohne Happy-End und ohne Rabatt. "Es gilt ausschließlich der von Beethoven geschriebene Notentext".