10 vor 11 vom 06.03.1995
Die Tyrannei der Einfühlung
Theatertheorie zwischen Sentimentalität und Sachlichkeit
Bahnbrechend für das Zeitalter der Aufklärung war Lessings "Hamburger Dramaturgie". Im Kern ging es darum, dass Mitgefühl und Einfühlung die Bühne beherrschen sollen. Es ging um die wahren Gefühle. Das ist, sagt der Germanist und Autor Dr. Joseph Vogl, zugleich eine Anleitung zur Seelenspionage. Vom sentimentalen Gefühl zum Polizeiminister Fouché ist es nur ein Schritt. Im Theater haben Dada, Brecht und König Ubu heftige Gegenangriffe gegen das universelle Gefühlsesperanto der Einfühlung vorgetragen.
Das moderne Theater hat ohne Erfolgt der Sentimentalität die Sachlichkeit und die Verfremdung entgegenzusetzen versucht. Große Siege hat die Einfühlung bei den TV-Nachrichten, im Film und im Trivial-Roman gefeiert; überhaupt siegreich ist sie auf dem Feld der Politik. Dort entwickelt sie sich zur Tyrannei und zum Zwang für populäre Politiker, alle Regeln zu erfüllen, die das Theater der Einfühlung erfand.