News & Stories vom 18.04.1999

Der Alles- und Nichts-Mann

Ian Kershaws faszinierende Hitler-Biografie
Ian Kershaw von der Universität Sheffield in England gilt als einer der bedeutendsten Hitler-Biografen in der Welt. In einem stark beachteten Buch hat er das Leben des ehemaligen Reichskanzlers von 1889 bis 1936 beschrieben, also bis zum vorläufigen "Höhepunkt". Wäre Hitler 1936 einem Attentat zum Opfer gefallen, sagt Kershaw, gelte er heute als Heroe. Ein zweites Buch beschreibt den Abstieg.

Kershaw hat neue Quellen erforscht. Kennzeichen von Hitlers Charakter treten schon in der Linzer und Wiener Zeit deutlich hervor. Sie zeigen sich bei den intensiven Gesprächen und Opernbesuchen, die Hitler mit seinem Jugendfreund August Kubizek unternahm. Nichts davon hätte unter den damaligen gesellschaftlichen Umständen dazu geführt, dass Hitler wie ein Lohengrin ein ganzes Volk anführt. Es musste erst nach dem 1. Weltkrieg ein spezifisches Bedürfnis der Menschen hinzutreten, das nach einer solchen charismatischen Figur verlangt.

Kershaw untersucht als Strukturalist diese Wechselwirkung zwischen dem Führer, der Gesellschaft, den Aktivisten, den Feinden der Nationalsozialisten, deren Unterschätzung Hitlers zu seinem Erfolg ebenso beigetragen hat wie dessen eigene Taten. Kershaw schildert Hitler nicht als besonders tätig ("Faulenzer", "Langschläfer"), aber von besessenem Einfluss. Seine Haupteigenschaften waren, sagt Kershaw, Zielstrebigkeit, Inflexibilität und absolute Rücksichtslosigkeit.