News & Stories vom 23.12.2015

Der Glaube kommt aus dem Hören

Volker Leppin: Die protestantische Wende nach 1517
Es lohnt sich, auch in Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr 2017, die religiöse und politische Wende in Mitteleuropa nach 1517 (dem Beginn der Reformation in Wittenberg), in ihren Zusammenhang zu setzen, zu verstehen und für unsere Zeit neu zu „übersetzen“. Man sieht dann nicht nur auf Luther, sondern auch auf andere Vertrauensmänner jener Zeit wie Erasmus von Rotterdam oder den Theologen Melanchthon. Man erkennt dann auch die starken Zusammenhänge zwischen dem Bauernaufstand und den ideellen Umbrüchen jener Zeit.

Im Mittelalter gibt es Darstellungen, wie der Heilige Geist durch eine Taube sich ans Ohr des schreibenden Mönches wendet. Der Glaube hat seine Wurzel nicht bloß in der Schrift, sondern vor allem im Wort und in den unsichtbaren Bildern der Musik. Sie gehören zur SPIRITUALITÄT. Der Glaube kommt aus dem Hören. Er lebt nicht auf der Augenweide. Dieser Ansatz gehört zur Radikalität („Wurzelhaftigkeit“) jener Wende um 1517, die wir die Reformation nennen und die einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren umfasste. Die Reformation hat viele Echos, auch in den oft tiefgreifenden Antworten der Gegenreformation. Der Protestantischste unter den Katholiken, der Begründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola und der Reformator Calvin saßen gemeinsam als Kommilitonen im Theologischen Seminar der Universität Paris. In der Geschichte der Kirchenspaltung lässt sich das Verbindende und manche Nähe ebenso untersuchen wie das Trennende.

Begegnung mit dem Kirchengeschichtler und Theologen Prof. Dr. Volker Leppin, Universität Tübingen. Ihm ist eine grundlegende Untersuchung der Reformationsepoche zu verdanken.