Nerven wie Drahtseile

Während der Schlacht an der Somme wurden Offiziere der Ost-Divisionen von Russland an die Westfront kommandiert, weil man annahm, dass sie mit größerer Ruhe auf die Attacken des Feindes reagieren würden.


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Während der Schlacht an der Somme wurden Offiziere der Ost-Divisionen von Russland an die Westfront kommandiert, weil man annahm, dass sie mit größerer Ruhe auf die Attacken des Feindes reagieren würden, "sachlicher" in ihren Befehlsständen ihre Funktionen ausüben würden als die Nervenbündel, welche die Westfront befehligten. Nicht funktional war es, dass Nerven nur bis zu einem gewissen Grad Stress vertragen, dann ihren Dienst versagen, so dass ein "heulendes Elend" zur Befehlsgebung oder zur Ausführung von Befehlen gleichermaßen unfähig war. Ebenfalls unfunktional war ein durch "eisernen Willen unterdrücktes heulendes Elend"; ein solches "Ich blieb starr" und vermochte die Befehle oder deren Ausführung nicht an die konkrete Situation anzupassen. Das Fürchterliche, berichten bald darauf die frisch aus dem Osten importierten Offiziere, die schon nach wenigen Wochen als "ausgebrannt" galten, waren nicht die Geschosse des Feindes, sondern das eigene Vorstellungsvermögen, das die Befehle an die Truppe begleitete. Wir, die Offiziere, hieß es, sind wie Scharfrichter tätig, wenn wir unsere Leute in den Stellungen vorn festhalten. Wer dieses Phantasievermögen nicht besaß, blieb vom Versagen der Nerven unbehelligt. Dieser Typ des phantasielosen Offiziers war wiederum im Bewegungskrieg unbrauchbar. Das Stichwort hieß: "Nerven wie Drahtseile". Man fahndete, wie man so etwas in den Mannschaften und Offizieren installieren könnte. Dazu sagte der Militärarzt Dr. Dänicke (Ordinarius für Nervenheilkunde in Jena): Nerven haben keine Funktionen, die in irgendeiner Weise an Drahtseile erinnern. Wenn zwei Volkswirtschaften, also Industrien, miteinander ringen und schließlich diejenige Seite, die es länger aushält als die andere, Sieger ist, so wird eine Leistung von den Menschen verlangt, auf die sie die Evolution nicht vorbereitet hat: "Abwarten unter aussichtslosen Bedingungen". Man versuchte es mit "Butterkuchen", sozusagen durch Einfettung der Nervenbahnen, begrenzt auf Offizierskreise. Besser wäre, erwiderte Dr. Dänicke, Anästhesie, z. B. Zwangsschlaf. Das tatsächliche Einziehen von Impulsleitungen aus Kupferamalgam zu Versuchszwecken bei Schwerstverwundeten, um sie "nervenlos" zu stellen, führte in jedem Fall zum Tod der Probanden. Das beste Mittel war noch, die Stäbe nach weit rückwärts zu verlagern und Frontbesuche von Offizieren zu untersagen. So blieb zumindest der Ausgangspunkt der Befehle intakt.

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